Aktive Bindungsangst überwinden: 18 Tipps
Ich habe keine Bindungsangst, ich …
… hatte schon (mehrere) Beziehungen!
… ich will doch eine Beziehung!
Das höre ich sehr häufig von Menschen mit Bindungsangst. Der Begriff “Bindungsangst” stößt auf vehemente Ablehnung, da damit viele Missverständnisse verknüpft sind.
Um Bindungsangst zu überwinden und endlich eine Beziehung auf Augenhöhe führen zu können, ist es jedoch essenziell sie zu erkennen.
In diesem Artikel erfährst du:
was Bindungsangst tatsächlich ist (und was nicht),
welche Formen es gibt und wie du sie erkennst,
18 konkrete Ansätze, mit denen du deine Bindungsangst überwinden kannst.
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Bindungsangst überwinden: Arten von Bindungsangst
Es gibt zwei Arten von Bindungsangst: die aktive Bindungsangst und den Gegenpart, die passive Bindungsangst (auch Verlustangst) genannt. In Beziehungen finden sich diese Menschen oft zusammen:
Der aktive Part „flüchtet“ aktiv aus der Beziehung, verhindert Nähe und hält den Partner auf Abstand. Im Gegenzug fühlt sich der passive Part davon angezogen und versucht umso mehr, den Partner von sich zu überzeugen und an sich zu binden.
Die Rollen können allerdings von Beziehung zu Beziehung anders aussehen, oder auch je nach Phase der Beziehung variieren. Mehr zu den beiden Typen in diesem Blogartikel.
Darum gehts bei Bindungsangst
Beide Typen haben gemeinsam, dass sie sich nicht trauen, in Beziehungen authentisch zu sein.
Sie sind davon überzeugt, sie wären „einfach so“ nicht gut genug. Ihr Selbstwertgefühl ist also – zumindest in nahen Beziehungen – sehr angeschlagen.
Das würde man mitunter nicht erwarten: Im Job oder mit Freund:innen können sie sehr selbstbewusst auftreten. Viele von ihnen sind auch sehr unabhängig und können sehr gut Dinge allein tun.
Dennoch sind sie in Liebesbeziehungen (unterbewusst) davon überzeugt, dass:
sie alle Erwartungen des Partners erfüllen müssen.
sie sich anpassen müssen.
sie keinen eigenen Willen haben dürfen.
nicht „Nein“ sagen dürfen.
ihre eigenen Bedürfnisse und Gefühle in einer Beziehung unwichtig sind.
sie sich selbst aufgeben müssen.
sie ihrem Partner unterlegen sind und sich verteidigen müssen.
Aufgrund dieser Überzeugungen haben sie nicht gelernt, dass sie mit einem Partner auch verhandeln und Kompromisse finden können.
Das erzeugt sehr viel inneren Druck und Widerstand gegen diese „Invasion“. Sie haben Angst davor, sich in einer Beziehung zu verlieren und komplett vom Partner vereinnahmt zu werden.
Flucht, Angriff, Erstarrung: So schützen sich Menschen mit Bindungsangst
Die Angst an sich ist nicht das Problem. Es sind vielmehr die Strategien, die Menschen mit Bindungsangst einsetzen, um sich zu schützen: vor Vereinnahmung durch den Partner, oder auch vor Enttäuschung oder Verletzung.
Wichtig dabei ist, dass diese werden nicht bewusst eingesetzt werden. Es sind vielmehr die instinktiven Stressreaktionen, die bereits Urmenschen im Angesicht des Säbelzahntigers gezeigt haben:
Flucht: Es gibt viele Methoden, um vor Nähe zu flüchten. Hier ein paar Beispiele:
Sich gar nicht auf feste Beziehungen einlassen.
Sich immer wieder in die Arbeit oder ausschweifende Hobbys flüchten.
Verabredungen vage halten.
Angriff: Das kann zum Beispiel so aussehen, dass dem Partner vorgeworfen wird, er würde dich einengen.
Oder dass er persönlich verletzend wird und Sachen sagt wie: „Meine Ex war schon die hübscheste Freundin, die ich hatte.“Erstarrung oder totstellen: Er geht nicht auf Gesprächsversuche ein, sagt gar nichts oder wechselt das Thema.
Bei all diesen „Schutzstrategien“ ist das Unterbewusstsein aktiv. Es möchte dich davor schützen, dass du dich selbst in einer Beziehung verlierst.
Wenn es also zu nah wird, kann auch der „Schwächenzoom“ aktiv werden. Dir fallen plötzlich alle negativen Eigenschaften deines Partners ganz besonders auf. Bewusst merkst du aber nur, dass die Gefühle nicht mehr da sind. Mehr zum plötzlichen Gefühlstod findest du in diesem Blogartikel.
Drei Mythen über Bindungsangst
1, Menschen mit Bindungsangst wollen keine Beziehung.
Menschen mit Bindungsangst haben oft einen sehr großen Bindungswunsch. Deshalb ist Bindungsangst mitunter auch so schwer zu erkennen. Sie wollen Nähe, haben aber gleichzeitig große Angst davor.
Diese Angst spüren sie vor allem, wenn es „zu nah“ wird. Das kann für jeden anders aussehen. Für manche ist diese Grenze schon beim 2. Date erreicht, für andere erst, wenn das Thema „Zusammenziehen“ auftaucht.
2. Menschen mit Bindungsangst gehen Beziehungen erst gar nicht ein.
Doch! Vor allem in der Kennenlernphase können große Verliebtheitsgefühle entstehen. Sobald es zu nah wird, überlagert die Angst meist die Gefühle.
Es gibt sogar langjährige Beziehungen zwischen bindungsängstlichen Menschen. Dort wird der Partner permanent auf Abstand gehalten.
Es erfolgt unter anderem die Flucht in Arbeit, ausschweifende Hobbys, oder Gesprächsverweigerung.
Auch Fernbeziehungen (oder „Wochenendbeziehungen“) sind ideal, da der Partner ja zwangsläufig weit weg ist (was nicht heißt, dass alle mit Fernbeziehung zwangsläufig Bindungsangst haben).
3. Wenn jemand sich zurückzieht, ist das Desinteresse.
Das kann natürlich sein, aber vielleicht ist auch die Nähe zu überfordernd. Daher ist Rückzug oft ein Versuch, den inneren Druck zu reduzieren.
Tipps bei aktiver Bindungsangst
Die folgenden Tipps verfolgen das Ziel, dass du dich in Beziehungen frei fühlst, so zu sein, wie du wirklich bist und gleichzeitig Nähe Stück für Stück zulassen kannst.
1. Lass es langsam angehen
Früher als Single hatte ich einen genauen Zeitplan im Kopf, wie der Weg vom ersten Treffen hin zur Beziehung ablaufen muss:
1. Date: nur reden
3 Tage warten, dann erst schreiben oder antworten
2. Date: 1. Kuss
3. Date: zu Hause, Filmabend, beieinander übernachten. Danach ist man „zusammen“.
Der ganze Weg von Single zu Beziehung sollte innerhalb von 1–2 Wochen abgeschlossen sein. Ich wünschte mir – im Bewusstsein – so sehr eine Beziehung und es sollte eben möglichst schnell gehen.
Außerdem hatte ich die Vorstellung, dass mein Gegenüber sofort das Interesse verlieren würde, wenn ich sage, dass ich für irgendetwas noch nicht bereit sei.
Kurzer Einschub: So ist es in der Vergangenheit auch manchmal gewesen. Aber hey, mit so jemandem hätte ich dann bestimmt auch keine schöne Beziehung auf Augenhöhe führen können.
Das Ganze hat extremen Druck in mir ausgelöst und mich:
Entweder Kennenlernphasen frühzeitig beenden lassen.
Oder mich auf (körperliche) Nähe einzulassen, obwohl ich noch nicht so weit war. Die Folge: Der „Schwächenzoom“ setzte ein und ich fand mein Gegenüber plötzlich ganz furchtbar und beendete es auch dann frühzeitig.
Bei meiner jetzigen Beziehung dagegen habe ich mir viel mehr Zeit gelassen und immer auf mein Gefühl gehört. So hatten wir 4 Wochen lang einfach Dates, ohne dass da „etwas lief“. Einfach zum Kennenlernen und Schauen, ob es passt. So eine lange Zeit dafür hatte ich mir mit niemandem vorher erlaubt.
Auch die Frequenz der Treffen war am Anfang noch nicht so hoch. Vorher dachte ich immer, man müsse sich mindestens 2 Mal pro Woche treffen, sonst wird das nichts.
Ich hatte mich auch nicht sofort damit wohlgefühlt, das Ganze „Beziehung“ zu nennen. Wir haben uns zwar schon so verhalten, und für andere sah es auch so aus. Aber irgendwas an diesem Wort löste in mir ein Engegefühl aus.
Erst als ich mich nach ein paar Monaten sicher und angekommen fühlte, haben wir es dann auch „Beziehung“ genannt.
Auf diese Weise konnte ich nach und nach Vertrauen aufbauen und mich Stück für Stück öffnen.
2. Zeige dich authentisch & unperfekt.
Viele Menschen mit Bindungsangst sind unterbewusst davon überzeugt, so, wie sie sind, nicht gut genug zu sein.
Daher passen sich viele beim Dating und Kennenlernen sehr dem Gegenüber an.
Das kann bei dir so aussehen, dass du nur Seiten an dir zeigst, von denen du denkst, dass dein Gegenüber sie gut finden wird.
Bei mir war es so, dass ich gerne erzählt habe, wo ich schon überall gelebt habe und wie viele Sprachen ich spreche, oder über die coolen Events, die ich damals oft besuchte.
Verschwiegen habe ich hingegen, dass ich mich für Psychologie und Persönlichkeitsentwicklung interessiere, weil ich davon überzeugt war, dass Männer damit nichts anfangen können und es (und damit mich) für zu esoterisch halten.
Ich habe auch nicht erzählt, in welchem Schneckentempo ich Fahrrad fahre, dass ich unheimlich gerne Google-Rezensionen lese (auch von Supermärkten oder Geldautomaten), 9 Monate im Jahr zu Hause mit Wärmflasche rumrenne oder täglich 7 Liter Wasser trinke.
Schon gar nicht erwähnt habe ich, wie unsicher ich mich fühle, wenn es um Beziehungen geht. Oder dass ich damit schon schlechte Erfahrungen gemacht habe und riesige Angst habe, dass sich das wiederholt. Das habe ich lieber verdrängt oder mit mir selber ausgemacht.
Stattdessen habe ich versucht, die Gespräche positiv zu halten. Ich wollte halt cool wirken – nicht, dass der andere denkt, ich sei verrückt!
Genau diese unperfekten Seiten, die vielleicht etwas seltsamen Eigenschaften oder auch Unsicherheiten machen dich aber so liebenswert, wie du bist! Und das Teilen dieser mit deinem Gegenüber schafft unheimlich viel Verbindung und Nähe.
Genau das habe ich mit meinem jetzigen Freund gemacht. Zum ersten Mal habe ich erzählt, wovor ich Angst habe, wo ich mir Druck mache oder unsicher bin.
Und genau das hat unheimlich geholfen. Einfach das aussprechen, und dass er mir so lieb zugehört hat. So hat mein Unterbewusstsein nach und nach gelernt:
Ich bin gut, so wie ich bin.
Ich muss nicht perfekt sein.
Ich darf einfach ich sein (und das genügt).
Das ist etwas, das man zum Teil selbst in sich etablieren kann. Dennoch ist Bindungsangst eben aus Beziehungen heraus entstanden und kann am besten durch positive Beziehungserfahrungen weniger werden.
Ich würde dir nicht uneingeschränkt empfehlen, jedem plötzlich alles zu erzählen. Schau einfach, bei wem du dich wohlfühlst und wem du genug vertraust, um dich zu öffnen. Das kann ja erstmal nur ein kleines bisschen sein. Schauen, wie der andere reagiert. Dann vielleicht weiter, oder eben nicht.
Wenn jemand dich ablehnt, weil du du selbst bist, ist das zwar schmerzhaft, aber auch ein sehr guter Indikator, dass es eben nicht der richtige ist.
3. Nimm deine Gefühle und Bedürfnisse wahr
Wichtig ist auch, dass du kommunizierst, was du gerade fühlst und brauchst. Das kann anfangs vielleicht etwas schwierig sein.
Bei mir war es so, dass ich mich meist sehr darauf konzentriert habe, was mein Partner wollen oder brauchen könnte. Daher habe ich gar nicht mehr wahrgenommen, was ich selbst eigentlich gerade möchte.
Deshalb ist der 1. Schritt, dich immer wieder mit dir selbst zu verbinden und zu spüren:
Was fühle ich gerade?
Was brauche ich?
4. Sag deinem Partner, was du brauchst
Der nächste Schritt ist es, genau das möglichst liebevoll zu kommunizieren.
Damit hatte ich am Anfang meiner jetzigen Beziehung große Probleme. Ich habe dann etwa erst einem Treffen zugestimmt, kurz vorher aber festgestellt, dass ich doch eigentlich Me-Time brauche, und es dann sehr unbeholfen rübergebracht.
Ich hatte dann zwar Me-Time, aber mein Partner war tief beleidigt.
Er hatte sich auf einen schönen Abend zu zweit gefreut und hatte dafür sogar Tickets fürs Stadion abgelehnt.
Es wurde aber immer besser: Ich kann meine Bedürfnisse jetzt früher wahrnehmen, es dann auch früher kommunizieren, und somit können sich alle Beteiligten darauf einstellen.
Trotzdem kann es sein, dass man andere Menschen enttäuscht. Aber das ist dann auch ein Learning: Du bist nicht für die Gefühle anderer Menschen verantwortlich.
Natürlich solltest du versuchen, andere Menschen nicht zu verletzen und möglichst rücksichtsvoll zu kommunizieren. Aber du musst nicht alle Erwartungen deines Partners erfüllen, nur damit er nicht enttäuscht ist.
5. Übernimm Verantwortung für DEINE Gefühle und Bedürfnisse
Genauso ist es aber auch andersrum: Auch du solltest Verantwortung für deine eigenen Gefühle und Bedürfnisse übernehmen.
Ich merke zum Beispiel, dass ich grantig, gereizt und unzufrieden werde, wenn ich Zeit für mich brauche und sie nicht bekomme. Statt dann gemein zu meinem Partner zu sein und ihm (innerlich) vorzuwerfen, er würde mich einengen, sorge ich dafür, dass mein Bedürfnis erfüllt wird.
Wenn beide Partner auch gut auf sich selbst achten und schauen, dass es ihnen selbst gut geht (mit Rücksicht natürlich), entsteht auch eine höhere Beziehungsqualität. Der Partner ist dann nicht dafür da, irgendeinen Mangel in mir auszugleichen, sondern wir können uns auf Augenhöhe begegnen.
Einwand: „Ich will den anderen nicht enttäuschen“
Dieser Gedanke wirkt auf den ersten Blick rücksichtsvoll. Tatsächlich hält er viele Menschen mit Bindungsangst in innerem Stress. Denn er verschiebt die Verantwortung für Gefühle dorthin, wo sie nicht hingehört.
Enttäuschung ist kein Zeichen von Schuld, sondern ein normaler Teil von Beziehungen. Zwei Menschen bringen unterschiedliche Erwartungen, Hoffnungen und Bedürfnisse mit. Dass diese sich nicht immer decken, ist unvermeidbar. Wer versucht, Enttäuschungen grundsätzlich zu vermeiden, vermeidet am Ende meist Nähe oder bleibt in Beziehungen, die sich innerlich nicht stimmig anfühlen.
Wichtiger als „niemanden zu enttäuschen“ ist, ehrlich zu sein. Ehrlichkeit ermöglicht Orientierung. Für beide Seiten. Unehrliches Ausharren oder vorschnelles Ja-Sagen aus Angst vor Enttäuschung führt langfristig zu größerem Schmerz als ein klares Nein oder ein rechtzeitiges Innehalten.
Du bist nicht dafür verantwortlich, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Du bist verantwortlich dafür, dich selbst ernst zu nehmen und transparent zu bleiben. Enttäuschungen lassen sich nicht verhindern. Respektlosigkeit schon.
6. Zeige Empathie
Das Problem, wenn man Bindungsangst hat ist oft, dass man weiß, was das Gegenüber möchte und genau das viel inneren Druck und Widerstand auslöst. Du kannst dich also schon gut in die andere Person hineinversetzen.
Dennoch wird die Empathie dann manchmal sehr von der Angst überlagert. Du denkst, du müsstest deine Autonomie verteidigen. Daher reagierst du manchmal sehr harsch auf Vorschläge oder (gedachte) Erwartungen deines Partners.
Das kann sehr verletzend für die andere Person sein. Versuche also, deinem Gegenüber mit Verständnis zu begegnen und trotzdem liebevoll zu kommunizieren, was dir wichtig ist.
7. Lerne zu verhandeln und Kompromisse zu schließen
Da Menschen mit Bindungsangst nie gelernt haben, dass sie in einer Beziehung nicht alle Erwartungen erfüllen müssen, können sie oft nicht gut verhandeln.
Das kann zu Problemen führen. Ein Beispiel aus einer meiner vergangenen Beziehungen:
Eines Nachmittags habe ich am Computer Sims gespielt, während mein Partner eine Serie geschaut hat. Wir hatten beide Spaß mit unseren Aktivitäten.
Irgendwann dachte ich aber: “Na, jetzt sollte ich doch mal wieder was mit ihm machen.” Nicht weil ich Lust dazu hatte, sondern weil ich dachte, er würde das gut finden. Wir machten uns also unsere gemeinsame Serie an, hatten sogar Popcorn gemacht.
Da fiel mir auf, dass die Art, wie er sein Popcorn aß, ziemlich passiv aggressiv aussah. Auf Nachfrage sagte er mir, dass er wütend war, weil ich jetzt unbedingt was mit ihm machen wollte, und er eigentlich seine eigene Serie zu Ende schauen wollte.
Wir hatten uns also an die gedachten Erwartungen des anderen angepasst und waren dann beide unglücklich mit dem Ergebnis.
Besser wäre gewesen, wenn wir beide gesagt hätten, was wir wirklich machen wollen.
In diesem Fall hätten wir beide einfach weiter unser Ding machen können. Wenn sich die Vorstellungen aber widersprechen, kann man verhandeln und einen Kompromiss finden.
Ein Beispiel: Es ist Sonntag, und du hast Lust, deine Lieblingsserie zu schauen. Dein Partner möchte einen Spaziergang machen.
Statt einfach deine Wünsche zu ignorieren, könnt ihr entweder jeder seins machen, oder ihr geht später zusammen spazieren. Oder oder oder. Es gibt so viele Möglichkeiten.
Beobachte auch gerne mal, wie du in anderen Kontexten agierst, zum Beispiel mit Freund:innen.
Stimmst du jedem Vorschlag zu, auch wenn er dir nicht passt?
Oder traust du dich, zu verhandeln, um einen Kompromiss zu finden, der beiden passt?
8. Finde die Gründe für deine Bindungsangst
Es kann auch helfen, die Gründe für deine Bindungsangst zu finden. Das hat gleich mehrere Vorteile:
Du lernst zu unterscheiden: Ist es wirklich gerade die heutige Situation, die mir Angst macht? Oder erinnert sie mich nur an etwas aus der Vergangenheit?
Du erlangst deine Handlungsfähigkeit zurück. Bindungsangst löst die instinktiven Stressreaktionen auf eine wahrgenommene Bedrohung aus: Angriff, Flucht oder Erstarrung. Wenn du dir dessen bewusst wirst, wird es leichter, das in dem Moment wahrzunehmen und dich dann anders zu verhalten.
Du erkennst, wovor die Angst dich ursprünglich mal geschützt hat, und darfst reflektieren, ob sie das immer noch tut (oder dich heute eher blockiert).
Du stärkst dein Selbstwertgefühl: Meine instinktiven Reaktionen auf zu viel Nähe haben bei mir früher große Selbstzweifel ausgelöst.
Ich konnte mir oft nicht erklären, warum ich so reagierte, obwohl ich ja eigentlich bekam, was ich wollte: Verbindung zu einem anderen Menschen.
Erst als ich benennen konnte, was es war (Bindungsangst), und die Gründe dafür entdeckte, konnte ich einen Umgang damit finden.
Anstatt mich weiterhin dafür runterzumachen, dass ich mich so fühlte, und mich schuldig zu fühlen, weil ich dann schon wieder jemanden verletzen “muss”, weil meine Gefühle schon wieder weg waren.
Kindheit
Die Ursachen von Bindungsangst liegen fast immer in der Kindheit (vgl S. Stahl, “Vom Jein zum Ja!”).
Es geht hier nicht um Schuldzuweisungen an die Eltern, sondern darum, sich erlernte Muster bewusst zu machen und zu verändern.
Zum Aufdecken von unterbewussten Mustern empfehle ich dir die Literatur von Stefanie Stahl, zum Beispiel das Buch “Jeder ist beziehungsfähig.”
Vergangene Beziehungserfahrungen
Reflektiere deine vergangenen Beziehungserfahrungen:
Was war da vielleicht, was du nicht wieder erleben möchtest?
Was war gut und möchtest du wieder?
Bei mir war es damals so, dass ich mich in meinen vergangenen Beziehungen meinem Partner „überangepasst“ habe. Ohne dass er es aktiv eingefordert hätte.
Ich habe versucht, alle seine Erwartungen zu erfüllen und die perfekte Freundin zu sein. Dabei habe ich mich selbst komplett in der Beziehung verloren.
Das wollte ich in weiteren Beziehungen unbedingt vermeiden. Durch das Bewusstmachen, wo genau ich mich (zu stark) angepasst habe, konnte ich gut darauf achten, das in Zukunft möglichst zu vermeiden.
Ich wurde von Beziehung zu Beziehung immer besser. Wenn ich in meiner ersten Beziehung gar nichts selbst entschieden habe, habe ich in meiner zweiten im Supermarkt schon gesagt, dass ich lieber Himbeeren statt Blaubeeren (wie mein Freund) möchte. Es fing mit kleinen Dingen an, aber ich wurde immer besser darin zu sagen, was ich möchte (und was nicht).
9. Mache dir deine Glaubenssätze bewusst und verändere sie.
Glaubenssätze sind unterbewusste Überzeugungen, die jeder Mensch hat und die deine Wahrnehmung, Gefühle und dein Verhalten steuern. Sie können zum Beispiel dich selbst, Beziehungen, Männer, Frauen, Geld, Arbeit oder jedes andere Thema betreffen.
Sie entstehen in der Kindheit, aber auch durch spätere Erfahrungen.
Wenn du daran interessiert bist, wie du dir diese bewusst machen und verändern kannst, sodass sie dir nicht mehr im Weg stehen, hol dir gerne mein E-Book zu dem Thema.
10. Stärke dein Selbstwertgefühl
Ein zentraler Ursprung von Bindungsangst ist die innere Überzeugung, nicht zu genügen. Der Gegenpol ist ein Selbstwertgefühl, das nicht an Leistung, Harmonie oder Anpassung geknüpft ist.
Das Thema ist sehr komplex, aber du kannst dein Selbstwertgefühl schon mit einfachen Mitteln stärken.
Schreibe zum Beispiel 20 Gründe auf, die dich liebenswert machen. Eigenschaften, Fähigkeiten, Haltungen, Erfahrungen.
Die Idee ist, dass du unabhängig von der Bewertung anderer begreifst, dass du toll bist, genauso, wie du bist.
Das hat nichts mit Überheblichkeit zu tun, oder damit, deine Schwächen auszublenden und dich über andere zu stellen.
Es hilft dir im Gegenteil, bessere Beziehungen zu führen und mehr im Einklang mit dir selbst und anderen zu leben. Denn du bist dann nicht mehr auf die (positive) Bewertung anderer angewiesen, um dich gut zu fühlen.
Du entwickelst vielmehr eine akzeptierende Haltung zu dir selbst, mit Seiten, die du an dir magst, und andere, die du zwar nicht so magst, aber akzeptierst wie sie sind. Natürlich kannst du dich verbessern, aber es ist kein Muss mehr, um “gut genug” zu sein.
11. Behalte deine Autonomie in der Beziehung
Menschen mit Bindungsangst haben oft das Gefühl, sie müssten alles aufgeben, wenn sie in einer Beziehung sind. Um dich in Beziehungen weiterhin frei und unabhängig zu fühlen, ist es wichtig, dass du weiterhin die Dinge tust, die du gerne machst.
Frage dich also:
Inwiefern passt du dich unterbewusst deinen Partnern an?
Was glaubst du, nicht mehr machen zu dürfen, wenn du einen Partner hast?
Was ist dir so wichtig (Routinen, Hobbys, Treffen mit Freund:innen etc.), dass du es auch in einer Beziehung weiterhin machen möchtest?
12. Gib euch die Erlaubnis, die Beziehung so zu gestalten, wie ihr euch beide damit wohlfühlt
Sich frei fühlen heißt auch, seine Beziehung aktiv gestalten zu dürfen. Schau also, was für dich und deinen Partner am besten funktioniert (auch wenn andere das vielleicht ganz anders machen, oder es nicht verstehen können).
Wie viel Zeit verbringt ihr zusammen?
Möchtest ihr zusammen wohnen?
Was ist dir sonst noch wichtig in einer Beziehung?
13. Beobachte dich selbst.
Wahrscheinlich steht deine Bindungsangst nicht immer im Vordergrund. Dennoch gibt es bestimmte Auslöser, die sie aktivieren können (z.B. dein Partner möchte zusammenziehen).
Versuche in akuten Situationen (oder danach) möglichst neutral zu beobachten:
Was genau aktiviert meine Bindungsangst?
Welche Gedanken kommen mir dann?
Welche Gefühle kommen in mir auf?
Wie verhalte ich mich in dieser Situation?
Was wäre ein hilfreicherer Gedanke?
Wie würde ich mich stattdessen lieber verhalten?
Auf diese Weise gewinnst du einen gewissen Abstand zu deiner Angst, statt dich in einen Strudel reinziehen zu lassen. Du bleibst handlungsfähig, anstatt den automatischen Reaktionen (Flucht, Kampf, Erstarrung) erliegen zu müssen.
14. Akzeptiere die Gegensätzlichkeit deiner Gefühle.
Akzeptiere, dass alle Gefühle da sein dürfen. Es ist okay, sich nach Nähe zu sehnen und gleichzeitig Unsicherheit oder Angst zu spüren.
Du darfst unsicher sein und dich trotzdem für eine Beziehung (oder auch ein weiteres Treffen) entscheiden. Du darfst Angst haben, aber dich trotzdem Stück für Stück öffnen.
15. Warte nicht auf die Verliebtheit
Der Rausch der Verliebtheit ist oft ein Mix aus Hormonen, Verlustangst und Unsicherheit.
Es kann sich ähnlich anfühlen wie Prüfungsangst und ist oft ein Merkmal von unausgeglichenen Beziehungen.
Man fühlt sich in einer unterlegenen Position. Der Partner „prüft“, ob man gut genug ist (vgl. S. Stahl: “Vom Jein zum Ja”).
Wenn er einen mag, ist das Selbstwertgefühl hoch, wenn nicht, versucht man ihn mit allen Mitteln zu überzeugen. So läuft man allerdings Gefahr, sich in der Beziehung zu verlieren.
Bei Beziehungen auf Augenhöhe fühlt sich die Liebe eher warm, vertraut und geborgen an. Das kann erstmal ungewohnt sein, oder sich sogar langweilig anfühlen.
Du bist ja vielleicht eher an das Drama gewöhnt und den Rausch unausgeglichener Beziehungen. Wenn du also weiterhin das Verliebtheitsgefühl suchst, wirst du immer wieder Partner anziehen, die dir das Gefühl von Unsicherheit geben und dich auf Distanz halten.
Bei Bindungsangst entsteht emotionale Öffnung erst, wenn du dich in der Beziehung sicher fühlst und dir und deinem Partner vertraust. Es kommt also langsamer und geht tiefer als die anfängliche Verliebtheit.
16. Bewerte deinen Partner nicht vorschnell
Wenn es Menschen mit Bindungsangst zu nah wird, kann es schnell sein, dass der Partner abgewertet wird. Der Schwächenzoom setzt ein.
Was tun? Nimm dir Zeit für dich und schau beim nächsten Treffen, ob es sich immer noch so gravierend anfühlt.
Wenn ja, passt es vielleicht wirklich nicht zwischen euch.
Wenn nein: Dann war es ein Signal deines Körpers, dass du Distanz gebraucht hast, es dir zu schnell ging. Höre darauf und kommuniziere deine Gefühle und Bedürfnisse deinem Partner.
17. Betrachte eine Beziehung nicht als Endgültigkeit
Viele Menschen mit Bindungsangst erleben eine Beziehung innerlich wie eine Einbahnstraße. Einmal „Ja“ gesagt, gibt es gefühlt keinen Ausweg mehr. Genau dieser Gedanke erzeugt Druck – und löst häufig den Fluchtimpuls aus, noch bevor echte Nähe entstehen kann.
Hilfreich ist ein bewusster Perspektivwechsel: Eine Beziehung ist kein Vertrag auf Lebenszeit. Du darfst dich jederzeit umentscheiden. Du darfst merken, dass es doch nicht passt. Du darfst enttäuscht sein oder selbst enttäuschen. Trennungen gehören zum Beziehungsgeschehen dazu und sind kein persönliches Scheitern, sondern Teil menschlicher Erfahrungen.
Wenn dein inneres System weiß, dass es einen Ausgang gibt, sinkt die Alarmbereitschaft. Nähe fühlt sich weniger bedrohlich an, weil sie nicht mit dem Verlust von Freiheit gleichgesetzt wird. Du musst dich nicht früh festlegen, nichts endgültig entscheiden und keine Sicherheit herstellen, bevor sie real vorhanden ist.
Beziehung entsteht im Prozess. Schritt für Schritt. Heute reicht ein ehrliches „Ich probiere das aus“. Alles Weitere darf sich entwickeln – oder eben auch nicht.
18. Therapie/Coaching
Einen Umgang mit Bindungsangst zu finden, erfordert viel Selbstreflexion und bewusste Veränderung von Mustern und Verhalten. Es ist wahrscheinlich möglich, das in Eigenregie zu lösen.
Dennoch kann auch eine Begleitung in Form von Psychotherapie oder Coaching helfen. Jemand, der die richtigen Fragen stellt, dir hilft, dass du am Thema dran bleibst und nicht wieder in alte Muster rutschst (oder wenn dann wieder herausfindest).
Es ist auch nützlich, mal eine Außenperspektive zu bekommen: Bin ich da gerade zu empfindlich, oder ist mein Partner wirklich übergriffig?
Buch gerne ein gratis Minicoaching und wir finden gemeinsam heraus, ob und wie ich dir im Coaching helfen kann.
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Quellen:
Ich bin übrigens Erika, Single- und Selbstbewusstseins-Coachin für Frauen (mit IHK-Zertifikat).
Ich helfe Frauen im 1:1-Online-Coaching dabei, in sich die Basis für eine Beziehung auf Augenhöhe zu schaffen.
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